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Südliches Wiener Becken

aus 978-3-7034-2122-8 auf Seite 34 Abb. 2
Diercke Karte Südliches Wiener Becken

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Erläuterungen

Südliches Wiener Becken

Die Entstehung und heutige Struktur des Industrieraumes südliches Wiener Becken wurde von naturräumlichen Faktoren maßgeblich beeinflusst. Auf der Karte sind zwei Großlandschaften ausschnittsweise deutlich erkennbar: das Wiener Becken sowie seine westliche Gebirgsumrahmung, der im Raum Wien auslaufende und an der Donau endende Alpenbogen. Das Wiener Becken ist mit der Bundeshauptstadt Wien und ihrem verstädterten südlichen Umland der bedeutendste Wirtschaftsund Siedlungsraum Österreichs, während Wienerwald und Thermenalpen als dünn besiedelte, noch weitgehend intakte Waldgebiete den idealen Ergänzungsraum (Naherholung, ökologische Ausgleichszone) für die 2 Millionen Einwohner des Ballungsraumes bilden.
Die naturräumlichen Verhältnisse begünstigten die industrielle Entwicklung des südlichen Wiener Beckens und seiner alpinen Seitentäler, insbesondere in den frühen Perioden der Industrialisierung. In der entscheidenden Startphase der Industrialisierung (1. Hälfte des 19. Jh.) war das Vorhandensein ausreichender Wasserkraft als Energiequelle die maßgebliche Standortvoraussetzung für die maschinelle Massenproduktion von Textilien. Die das Wiener Becken querenden, zur Donau hinziehenden, im Winter eisfreien Alpenflüsse mit ihrer reichlichen, regelmäßigen Wasserführung bildeten hiefür den idealen Standort. Mit der Errichtung von drei großen mechanischen Baumwollspinnereien im Jahre 1802 nahm dort die Industrialisierung der Donaumonarchie ihren Ausgang. Später, in der Zeit vor und während der beiden Weltkriege, boten hingegen die weiten, landwirtschaftlich z. T. ungenutzten, menschenleeren Schotterfluren des Wiener Neustädter Steinfeldes jene ausgedehnten Flächen, die für die Anlage von militärischen Einrichtungen, Flugplätzen und riesigen Rüstungsbetrieben benötigt wurden. Die Steinfeldschotter, die Tegelvorkommen des Wiener Beckens und die Kalke seiner Gebirgsumrahmung ließen eine leistungsfähige Baustoffindustrie (Ziegel, Zement, Betonwaren) in der Nähe des Hauptabsatzmarktes Wien entstehen. Im Voralpengebiet zwischen dem Triesting- und Pittental bildete bereits in vorindustrieller Zeit (vor 1800) die Kombination der vorhandenen Naturressourcen Waldreichtum (Holzkohlegewinnung), Erzvorkommen (Ausläufer der Grauwackenzone) und Wasserkraft der gefällsreichen Flüsse eine ideale Basis für die Entwicklung eines stark spezialisierten, exportorientierten Kleineisengewerbes. Im Eisenbahn- und Dampfmaschinenzeitalter kam es hier zu einer Konzentration der Standorte. Die zahlreichen kleinen Hammer- und Schmiedewerke verschwanden zugunsten weniger Metall verarbeitender Großbetriebe (z. B. Berndorf, Hirtenberg in der Karte). Neben den physischgeographischen Bedingungen spielte für die Entwicklung des industriellen Standortgefüges und damit für die Siedlungsstruktur die Herausbildung der regionalen Verkehrsinfrastruktur eine entscheidende Rolle. Seit dem Hochmittelalter (Gründung von Wiener Neustadt 1194) ist das südliche Wiener Becken ein wichtiges Teilstück der Fernverbindung Wien – Venedig/ Triest quer durch die Alpen (Semmering, Norische Senke). Es kam zu einer Bündelung hochrangiger Verkehrswege entlang der Thermenlinie, um den lange Zeit versumpften zentralen Bereich der Ebene zu umgehen. Der Bau der Südbahn (1842 Strecke Wien-Gloggnitz, 1855 Überschienung des Semmering) bedeutete einen wesentlichen Impuls für die weitere industrielle Expansion (Stahlwerk Ternitz, Lokomotivfabrik Wiener Neustadt). Die Südbahn bildete in der Folge die Leitlinie für die erste Aussiedlungswelle der Wiener Großindustrie, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte und besonders den Raum Liesing-Mödling erfasste.
Nach einer längeren Krisenperiode vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Besatzungszeit (1955) kam es ab den 1960er-Jahren zu einer neuerlichen kräftigen industriellen Suburbanisierung im südlichen Umland der Bundeshauptstadt. Anstelle der ehemaligen Flugmotorenwerke „Ostmark“ in Wr. Neudorf entstand 1962 das Industriezentrum NÖ-Süd, wo auf einem Areal von 280 ha bisher 300 Betriebe mit 11 300 Beschäftigten angesiedelt wurden. In unmittelbarer Nachbarschaft, im Gemeindegebiet von Vösendorf, wurde 1976 die Shopping City Süd (SCS) eröffnet und seither zum größten suburbanen Einkaufszentrum Europas ausgebaut (132 000 m2 Verkaufsfläche, 4500 Beschäftigte). Ein leistungsfähiges hochrangiges Straßensystem bildete die nötige infrastrukturelle Voraussetzung für diese und andere Betriebsansiedlungen in jüngerer Vergangenheit (Südautobahn: 150 000 Fahrzeuge im Tagesdurchschnitt beim Knoten Vösendorf, meistbefahrener Knoten Österreichs). Derzeit wird der Kombiverkehr Schiene – Straße von der staatlichen Verkehrsplanung forciert, um den Schwerlastverkehr auf den Straßen zu reduzieren. Die Realisierung der hiefür benötigten neuen Güterverkehrsterminals ist jedoch in den potenziellen Standortgemeinden schwer durchzusetzen.
Die naturräumlichen Gegebenheiten und die Bündelung der Hauptverkehrswege entlang der Thermenlinie haben dort ein sich immer mehr verdichtendes Siedlungsband entstehen lassen, sodass das Gebiet der Großstadtagglomeration Wien infolge dieser Ausweitung in südliche Richtung eine zunehmend asymmetrische Gestalt erhält. Zur Herausbildung dieses 40 km langen Siedlungsbandes, welches bis nach Wiener Neustadt reicht und rund 215 000 Einwohner zählt, haben vor allem drei Komponenten beigetragen:

  • Entstehung einer dichten Kette alturbanisierter Weinhauerorte ab dem Spätmittelalter,
  • dynamische Industrieentwicklung ab dem Bau der Südbahn,
  • intensive Zuwanderung aus Wien in die attraktiven Wohnstandorte am Rand von Wienerwald und Thermenalpen.

Die intensiven Suburbanisierungsprozesse haben dazu geführt, dass sich beispielsweise die Siedlungsfläche im Raum Mödling innerhalb von vier Jahrzehnten mehr als verfünffacht hat. Es gibt dort Gemeinden, wo das Bauland bereits mehr als 70 % der Gesamtfläche ausmacht. Entlang der Thermenzone droht sich ein diffuser Siedlungsbrei auszubreiten, mit zu wenig Grünraum, überlasteter Verkehrs- und Entsorgungsinfrastruktur sowie einem Verlust an Überschaubarkeit, lokaler Identität und Geborgenheit für die Bewohner/innen. Dieses räumlich-ästhetische Phänomen wird in der Geographie auch als „Zwischenstadt“ bezeichnet.
Die Raumordnung des Landes Niederösterreich versucht nach Jahrzehnten überzogener Ausweisung von Bauland dieser mittlerweile unerwünschten Entwicklung entgegenzuwirken: In einem „Regionalen Raumordnungsprogramm Wien-Umland Süd“ (1999, novelliert 2005) wurden ausreichende Grünzonen und rechtsverbindliche Siedlungsgrenzen gegenüber den jeweiligen Nachbarorten, unter Bedachtnahme auf ökologisch wertvolle Flächen, festgelegt. Ein „Siedlungspolitisches Konzept Ostregion“ liegt in Form einer politischen Absichtserklärung der Länder Wien, Niederösterreich und Burgenland (1995) vor. Die künftige Siedlungsentwicklung im näheren und weiteren Umland von Wien soll demnach im Sinne einer Dezentralisierungsstrategie raumplanerisch gesteuert werden. Durch gezielten Infrastrukturausbau und diverse Förderungsmaßnahmen sollen bestehende Zentrale Orte in mittlerer Entfernung (30 bis 50 km) zur Bundeshauptstadt, z. B. Bruck/Leitha, Gänserndorf, Mistelbach, Hollabrunn und Tulln (alle außerhalb der Karte), zu regionalen Entwicklungszentren aufgewertet werden, die dann gleichzeitig als Entlastungsorte für den engeren Ballungsraum fungieren würden.
Dieses Leitbild ist auch als eine Absage an mögliche Achsenkonzepte im großstädtischen Umland zu verstehen. Eine Intention des Konzeptes ist es, dass sich vor allem die Siedlungsachse Thermenlinie nicht im bisherigen Tempo weiter verdichtet. Erst Wiener Neustadt am Südende dieser Siedlungskette soll wegen seiner besonderen Bedeutung für die Reaktivierung der alten Industriegebiete in seinem Hinterland zu einem regionalen Wachstumspol ausgebaut werden (als Zentraler Ort mit „landeshauptstädtischer Ergänzungsfunktion“ im Bereich Industrie und Technologie: Regional-Innovations-Zentrum RIZ, Technologiezentrum TZU, Fachhochschule, Wirtschaftspark „Civitas Nova“). Neben diesen raumordnungspolitischen „harten“ Instrumenten (Regionale Raumordnungsprogramme) erlangen „weiche“ Instrumente der Raumentwicklung zusehends an Bedeutung: Stadt-Umland-Manager, die gemeinsam von Stadt Wien und Land Niederösterreich finanziert werden, unterstützen niederösterreichische Umlandgemeinden im Sinne einer gemeinsamen strategischen Regionalentwicklung bei der Zusammenarbeit mit Wiener Stadtrandbezirken.
Das südliche Wiener Becken ist ein „klassischer“ alter Industrieraum, der an allen wichtigen Industrialisierungsphasen vom Manufakturzeitalter (18. Jh.) bis zur „Dritten Industriellen Revolution“ (ab den 1980er-Jahren) Anteil hatte und einen entsprechenden mehrmaligen Strukturwandel seines Branchen- und Standortgefüges mitmachte. Bereits am Vorabend des Ersten Weltkrieges bestanden innerhalb des niederösterreichischen Industrieviertels an die 70 000 Industriearbeitsplätze, ein Beschäftigungsniveau, das später kaum mehr erreicht wurde und heute bei weitem unterschritten wird. Nach 1945 hatte die Industrie dieses Gebietes mit äußerst schwierigen Startbedingungen zu kämpfen: 72 % der Kriegsschäden der gesamtösterreichischen Industrie entfielen auf Niederösterreich, nur 7,3 % der günstigen ERP-Kredite flossen in das sowjetisch besetzte Niederösterreich. Der „Eiserne Vorhang“ bildete vier Jahrzehnte lang eine Barriere für die Wirtschaftsbeziehungen mit den östlichen Nachbarstaaten, während die westösterreichischen Unternehmen durch den besseren Zugang zu den dynamischen westeuropäischen Märkten Wettbewerbsvorteile hatten. Dazu kommt die problematische Standortsituation, mit der die Industrie in den meisten Großstädten, auch in Wien, in den letzten drei Jahrzehnten konfrontiert war. In der Vergangenheit zählte Wien zu den europäischen Metropolen mit einem sehr hohen Industrialisierungsgrad (ähnlich Berlin, Prag, Budapest, Mailand). 1961 lag die Industriequote (Anteil des sekundären Sektors an den Arbeitsplätzen) Wiens noch bei hohen 48 %, 1991 bei nur mehr 28 % und sank 2001 auf 17,4 %, während der Dienstleistungssektor komplementär dazu von 51 % auf 71 % (1991) und bis 2001 auf 80,4 % expandierte.
Für die Entindustrialisierungstendenz in Wien (die ihre Parallelen in den meisten anderen europäischen Metropolen hat) sind hauptsächlich zwei Faktoren verantwortlich: erhebliche Agglomerationsnachteile vor allem für Niedriglohnindustrien und flächenintensive Produktionen (räumliche Beengtheit, Engpässe beim fließenden und ruhenden Verkehr, hohes Arbeitskostenniveau) sowie die enorme Konkurrenz alternativer Nutzungen (Opportunitätsnutzen: höhere Renditen von Büros, Handelsbetrieben, Wohnbauten anstelle altersschwacher Industriebetriebe). Vor allem die Industrie in den inneren Bezirken Wiens („citynahe Gewerbeviertel“) war von diesem „Erosionsprozess „ schwer betroffen.
Auffällig war vor allem der Produktivitätsschub in der Wiener Industrie. Neben der „passiven Sanierung“ durch Stilllegung wenig rentabler Kapazitäten war dafür in erster Linie die seit 1972 (Gründung der WIBAG, heute Wiener Wirtschaftsförderungsfonds WWFF) forcierte Betriebsansiedlung auf neuen Industriearealen am Stadtrand verantwortlich. Neue Zweigwerke internationaler Großkonzerne entstanden (Opel, Siemens, Philips, Alcatel …), marode verstaatlichte Großbetriebe wurden übernommen und modernisiert. Problematisch ist, dass sich heute ein erheblicher Teil der Großindustrie des Wiener Raumes in ausländischem Besitz befindet. Deren Headquarters liegen im Ausland, sodass ein hohes Maß an Fremdbestimmung und ein Mangel an einheimischer strategischer Kompetenz bei der Mehrzahl inländischer Schlüsselindustrien gegeben ist.
In der jüngeren Vergangenheit war die Industrie des südlichen Industrieviertels (Bezirke Baden, Wiener Neustadt, Neunkirchen) die Verliererin der Entwicklung. Die massiven Arbeitsplatzeinbußen haben dort kaum zu nachhaltiger Strukturverbesserung in diesem Sektor geführt, alle Kennzahlen weisen diesen Teilraum als altindustrialisiertes Problemgebiet aus. Infolge eines überproportionalen Anteils der besonders lohnkostensensiblen traditionellen Verarbeitungsindustrien (Routinefertigungen) ist die Industrie dieses Gebietes einem hohen Kostendruck durch Anbieter aus Niedriglohnländern ausgesetzt und von der Abwanderung insbesondere nach Ostmitteleuropa bedroht. Umgekehrt eröffnen sich für viele Unternehmen durch Produktionskooperationen mit Partnern in den östlichen Reformstaaten große Chancen. Durch die Nähe zu diesem expandierenden Wirtschaftsraum wird der Standort Ostösterreich zweifellos stark aufgewertet.

W. Schwarz, M. Hutter

Stichworte: Agglomeration Ballungsraum Industrie Industrieansiedlung Industriegasse Niederösterreich Obstanbau Sekundärer Sektor Weinbau Wien Wirtschaft

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